Studium in Köln (1900-1906)

Start in Köln 

Nach der Überfahrt aus Südamerika im Juli 1900 bezieht die junge Familie eine Wohnung am Karolingerring 31 in Köln. Theo beginnt bei der Bankfirma Deichmann & Co, bereits seit 40 Jahren die Bankverbindung der Brügelmann-Fabrik in Cromford bei Ratingen in der Nähe von Düsseldorf und bekommt dort die Gelegenheit, sich in alle Zweige des Betriebs einzuarbeiten. Im Jahr 1904 erhält er die Prokura neben den drei bisherigen Prokuristen und führt später, nach dem Tod bzw. Ausscheiden zweier dieser Herren, das Geschäft alleine mit dem übrig gebliebenen Prokuristen.

 

Franz Wüllner, Leiter des Kölner Konservatoriums 1884-1902
Franz Wüllner, Leiter des Kölner Konservatoriums 1884-1902
Fritz Steinbach, Leiter des Kölner Konservatoriums 1903-1914
Fritz Steinbach, Leiter des Kölner Konservatoriums 1903-1914

Kölner Konservatorium
Hedy beginnt bereits vier Wochen nach ihrer Ankunft in Europa am Kölner Konservatorium mit dem Gesangsstudium. Das Kind Hermann wird der schwarzen Kinderfrau Vovo überlassen. Im Jahresbericht des Konservatoriums von 1901 wird Hedy zum ersten Mal namentlich erwähnt. Der Leiter des Konservatoriums - und damit auch gleichzeitig des Gürzenich-Orchesters - ist Franz Wüllner. Er hat seit seinem Antreten im Jahr 1884 die Musikausbildung in Köln professionalisiert durch die Einrichtung einer Orchesterschule, einer Opernschule und eines Klavierlehrerseminars. Pflichtfächer wie Gehörbildung, Musiktheorie, Musikgeschichte, Formenlehre sowie die Teilnahme am Chorgesang werden eingeführt. Auf der anderen Seite duldet er aber keine Frauen als Lehrer am Konservatorium. Wohl dürfen sie dort studieren im Gegensatz zu den preußischen Musikhochschulen, wo Frauen erst ab 1908 erwünscht sind. Hedy studiert Gesang bei Paul Haase und legt im Jahr 1902 das Befähigungszeugnis als Gesangslehrerin ab, im Jahr 1903 bereits das Reifezeugnis als Konzertsängerin. Wüllner stirbt im September 1902, seine Nachfolge als Leiter des Kölner Konservatoriums tritt Fritz Steinbach im Jahr 1903 an.

 

Aufführungsabend am Kölner Konservatorium, Jahresbericht 1902
Aufführungsabend am Kölner Konservatorium, Jahresbericht 1902
Jahresbericht des Kölner Konservatoriums 1903 (Musikwissenchaftliches Institut der Universität Köln)
Jahresbericht des Kölner Konservatoriums 1903 (Musikwissenchaftliches Institut der Universität Köln)
Bekanntmachung der Reifezeugnisse am Kölner Konservatorium, Jahresbericht 1903 (vergrösserbar durch Klick auf Foto)
Bekanntmachung der Reifezeugnisse am Kölner Konservatorium, Jahresbericht 1903 (vergrösserbar durch Klick auf Foto)

Stimmliche Weiterbildung
Nach ihrem Abschluss am Kölner Konservatorium im Jahr 1903 vertieft Hedy ihre Gesangsausbildung bei der renommierten Konzertsängerin und Stimmbildnerin Wally Schauseil. Dies geschieht wahrscheinlich auf privater Basis, obwohl Wally Schauseil ab 1904 auch am Kölner Konservatorium unterrichtet. Im April 1904 übernimmt Hedy in einem Gürzenichkonzert in Köln vertretungsweise die Sopran-Soli in der Matthäus-Passion. Dort bekommt sie jedoch schlechte Kritiken, z. B. in der Rheinischen Musik- und Theaterzeitung: „Frau Hedwig Brügelmanns Stimme entbehrt der Festigkeit, die flackernde Tongebung ist sehr störend, außerdem läßt die Aussprache viel zu wünschen übrig…", und ist sie auch selbst nicht mit ihrer Darbietung zufrieden. Daher zieht sie sich völlig vom öffentlichen Konzertleben zurück und arbeitet mit Wally Schauseil weiter an ihrer stimmlichen Entwicklung. Die Rheinische Musik- und Theaterzeitung schreibt darüber zurückblickend im Jahr 1908: „Aber nicht zufrieden mit der eigenen Leistung, auf die hin ihr kleine Erfolge in der Provinz sicher gewesen wären, verschwand sie wieder von der Öffentlichkeit, um weitere drei Jahre an ihrer gesangstechnischen Ausbildung zu arbeiten, ein in unserer Zeit, in der sich fortwährend halbgebildete Stimmen hören lassen, gewiß seltener Fall."

 

Vorblatt der Rheinischen Musik- und Theaterzeitung, Musikwissenschaftliches Institut der Universität Köln
Vorblatt der Rheinischen Musik- und Theaterzeitung, Musikwissenschaftliches Institut der Universität Köln

Sie selbst schreibt in einem Brief im Juni 1913 an die etwa gleichaltrige Wiener Sängerin Lorle Meissner, die sie beraten soll, über ihre Lehrer: „Ich habe verschiedene Lehrer gehabt, in Köln ist nur noch Fräulein Wally Schauseil, der ich meine leichte Höhe oder besser gesagt, deren Behandlung verdanke. Dann hätten Sie die nötige Kontrolle, gerade um in der Höhe mehr Leichtigkeit zu bekommen." Außerdem schreibt sie in demselben Brief: „Um künstlerisch ein Programm durchzuarbeiten, würde ich mich an den Pianisten Carl Friedberg wenden. Mit dem Herrn studierte ich eine große Gruppe Lieder und diese Stunden gehören heute noch zu meinen schönsten. Herr Friedberg hat Gefühl für Ton und Aussprache noch dazu."