Kritiken Brasilien (1907, 1914, 1920)

Hedy Brügelmann hat in den Jahren 1907, 1914 und 1920 Tourneen durch Brasilien unternommen. Auch darüber gibt es Artikel und Kritiken, zum größten Teil auf portugiesisch.

Rheinische Musik- und Theaterzeitung, Nr. 50, 8. Jahrgang, 14.12.1907
Kunst und Künstler
Ehrungen einer deutschen Künstlerin in Brasilien.
Die Kölner Konzertsängerin Hedy Iracema-Brügelmann hat ihre Konzert-Tournée durch Süd-Amerika beendet. Gleich ihr erstes Auftreten vor dem verwöhnten Publikum in der Millionenstadt Rio de Janeiro und der dortigen sehr strengen Kritik war ein großartiger Triumph. Sowohl die brasilianischen wie die französischen Zeitungen der Hauptstadt, welche uns vorliegen, ergehen sich in enthusiastischen Lobeserhebungen über die reine, frische Stimme und deren tadellose Durchbildung in der strengen deutschen Schule, sie rühmen den Glanz, die Geschmeidigkeit und die berückende Süße, die seltene Ausgeglichenheit der Register, das wunderbare Piano der Kopftöne, die staunenswerte Atemtechnik, sowie den durchgeistigten, hochmusikalischen Vortrag. Dazu beherrsche sie mit gleicher Vollkommenheit die italienische, französische und brasilianische Sprache. Besonders hervorgehoben wird ihr vornehmer, über jede konventionelle Effekthascherei erhabene Gesangsstil. Sieben Mal trat die Künstlerin in den hauptstädtischen Konzertsälen auf, darunter in drei eigenen Konzerten, überschüttet mit frenetischen Beifallsbezeugungen. Ihre Konzerte werden einstimmig eine "musikalische Erhebung", eine "wahre Weihe" für das musikverständige Publikum genannt, der hinterlassene Eindruck sei ein unvergleichlicher, unvergeßlicher.

 

In ihrer Heimatprovinz Rio Grande do Sul und besonders in deren Hauptstadt Porto Alegre, wurde sie nach solchen Triumphen in der Metropole mit großer Spannung erwartet. Auch dort erntete sie außerordentliche Ehrungen. Ein Blumenregen empfing sie bei der Landung, zwei vom Präsidenten des Staats beorderte Militärkapellen ließen abwechselnd ihre Weisen erklingen und in einer begeisterten Rede feierte man sie vor der ganzen Bevölkerung als die große Künstlerin, welche den Namen Brasiliens in musikalischer Beziehung im Auslande zu Ehren brächte. Nach diesem Willkommen ging's im langen Zuge mit den Musikkapellen zum Hotel, welches Abends unter den Klängen einer Serenade in elektrischem und bengalischem Licht erstrahlte; Raketen knatterten und das Viva-rufende Volk ruhte nicht eher, als bis sich die Künstlerin auf dem Balkon zeigte. Das große Theater San Pedro war in wenigen Tagen ausverkauft. Bei ihrem Erscheinen auf der Bühne wurde sie unter endlosen Hochrufen mit Blumen und Serpentinen aus den Rängen und Galerien überschüttet, der Beifallsjubel steigerte sich von Nummer zu Nummer. Auf offener Bühne in einem wiederholten Blumenregen überreichte ihr eine Abordnung von Damen, an ihrer Spitze die Gemahlin des Staatspräsidenten Vorges de Medeiros, unter anderen Geschenken und inmitten von einigen 30 Blumengebinden einen kostbaren Diamantring. Ein zweites Konzert war dem deutschen Klub "Germania" gewidmet. Dort hatte die Künstlerin einst als Anfängerin ihre erste Anerkennung gefunden, und die dortige deutsche Presse spricht ihren freudigen Stolz darüber aus, wie herrlich sich alle ihre schon damals vielversprechenden künstlerischen Anlagen ihrer Voraussage gemäß entfaltet haben. Die Brasilianer haben ihre landsmännische Sängerin für ihre hervorragende Kunst mit der Verleihung des Namens ihres wertvollsten und volkstümlichsten nationalen Epos "Iracema" geehrt.

 

Zeitungsberichte aus Porto Alegre

Fabio Shiro Monteiro aus Karlsruhe hat im Archiv in Porto Alegre (Arquivo Histórico Municipal Moysés Vellinho) in der Tageszeitung: "A Federação" zahlreiche Artikel gefunden über Hedys Auftritte in Brasilien in den Jahren 1907, 1914 und 1920.

1907

 

Erläuterungen zu den Zeitungberichten von 1907 aus Porto Alegre (von Fabio Shiro Monteiro):

1. A Federação, Mo, 30.9.1907: Bericht über ein Abschiedskonzert am 14.9. in Rio (Club Germania) mit Amalia und Hedy. Offenbar sind beide Schwestern anschließend nach Süden gereist. Anwesend war der Senator Pinheiro Machado, der sich als Vertreter der Provinz Rio Grande do Sul mit Champagner bei der deutschen Gemeinde für alles bedankte, „was sie für die Industrie, Handel und Kultur in unserem Staate beigetragen hat."

2. Idem, Di 1.10.1907: Ankündigung eines Konzertes mit Hedy und Amalia zum Sa, 5.10. im Theater São Pedro in Porto Alegre. Dazu ein Besuch Hedys am 1.10. in der Zeitungsredaktion.
3. Idem, Do, 3.10.1907: Änderung des Konzerttermins mit Hedy und Amalia zum Mo, 7.10. Programmangaben. Liste der Damen, denen das Konzert gewidmet wird.

4. Idem, Sa 5.10.1907: Neuankündigung des Konzerts mit Hedy und Amalia am Mo, 7.10. Programmangaben für Hedys Teil.

5. Idem, Di 8.10.1907: Bericht über das Konzert des Vorabends (!), mit ausführlichen Angaben über Hedys Werdegang. Bemerkenswerte Stellen: „Als Hedy Iracema sich vornahm, nach Brasilien zu reisen, hat mancher versucht, sie davon abzuraten. Nicht ohne Grund, denn sie würde wohl weder Geld noch Applaus bekommen. Daraufhin antwortete sie: "Ich werde weder Geld noch Applaus bekommen, aber dafür wieder meine Muttersprache hören und meine Heimat sehen." (… ) „Im Theater war kein einziger Platz mehr frei, es herrschte angespannte Erwartung. Die Gesangschwestern Hedy und Amalia wurden überall zum Gesprächsthema, und ihre Namen immer wieder verwechselt. Um Punkt neun schwiegen die beiden Militärkapellen, von der Escola de Guerra und der Brigada Militar, die im Foyer bis dahin munter musizierten, und der Vorhang ging auf. Die Bühne wurde zum Festsaal, als Hedy Iracema erschien. Verführerisch, sympathisch und elegant, schritt sie voran, lächelnd und sichtlich vom Applaus, von den Blumen, Papierschlangen und Zurufen gerührt. (…)"

6. Idem, Mi 9.10.1907: Die Zeitung beschwert sich, dass im Konzert am 7.10. in den Gängen des Theaters „grobe Unverschämtheiten und Sprüche zu hören waren, die inkompatibel zur Erziehung und Respekt wären, die zum zivilisierten Menschenumgang gehören." Und hofft, dass sich so was nicht wiederholt.

7. Idem, Mi 16.10.1907: Die Schwester nAmalia und Hedy kündigen ein weiteres Konzert an, „sobald über einen Termin im Theater São Pedro verfügbar wird."

8. Idem, Di 22.10.1907: Die Schwester nkündigen an, das Konzert wird am 28.10. stattfinden. Am Vortag (also am 21.10.) haben sie die Escola de Guerra (Offizierschule) besucht, wo beide „lebhafte Sympathiebekundungen von Schülern und Offizieren" erhielten.

9. Idem, 26.10.1907: Ankündigung des Programms zum Konzert des 28.10.

10. Idem, 28.10.1907: Neue Ankündigung des Konzertes, dazu den Hinweis, dass im Schaufenster des Fotoateliers Ferrari „eine schöne Lyra aus Kunstblumen" zu sehen ist. Oben ist das Emblem der Escola de Guerra, eine goldene Burg aus Satin. Unten, zwischen Saiten und Armen der Lyra, stehen die Bilder von Amalia in rosa und Hedy in blauen Satin. „Diese Lyra wird den beiden Schwestern beim Konzert von den Offiziersschülern überreicht". Das Konzert findet allerdings nicht im Theater, sondern im Tanzsaal der „Bailante“ statt, der eigens dafür von den Offiziersschülern geschmückt wurde.

11. Idem, 29.10.1907: Das Konzert wurde wegen starken Regenfalls um einen Tag verlegt.

12. Idem, 30.10.1907: Bericht über das Konzert des Vorabends, das um halb zwölf zu Ende ging (!). Dazu die Nachricht, dass Hedy am 31. abreist, zunächst in den Süden des Staates (wohl nach Pelotas), danach zurück nach Europa.

1914

 

Erläuterungen zu den Zeitungberichten von 1914 aus Porto Alegre (von Fabio Shiro Monteiro):

1. A Federação, Fr 12.6.1914: Ankündigung der Ankunft von Hedy in Porto Alegre „zum kommenden Dienstag“ (also zum 16.6.), mit dem Dampfschiff Itapura der Companhia Nacional de Navegação Costeira. Sie soll in der Heimat „einige Konzerte" geben.

2. Idem, Mi 17.6.1914: Nachricht der Ankunft Hedys am Vorabend, 20 Uhr. Am Pier wurde sie von der Blaskapelle der Brigada Militar feierlich-musikalisch empfangen (!).

3. Idem, Fr 19.6.1914: Bericht über den Besuch Hedys in der Zeitungsredaktion am Vortag. Sie singt ein Konzert bereits am Samstag, 20.6. im Theatro São Pedro. Konzertprogramm.

4. Idem, Sa 20.6.1914: Konzertankündigung für Hedy, mit Bild, Programm und der Angabe des Klavierbegleiters Henri Penasse. Außerdem die Nachricht, dass sie bereits in Rio und São Paulo sang und ihr Publikum dort „tief beeindruckt hat".

5. Idem, So 21.6.1914: Kurznachricht über das Konzert des Vorabends. Das war sehr beeindruckend, das Haus war voll, und ein ausführlicher Bericht folgt.

6. Idem, Di 23.6.1914: Der angekündigte Konzertbericht beginnt mit der Feststellung, „sehr lange ist es her, dass ein so reines Kunstfest mit einstimmigen und spontanen Ovationen stattfand." Der Saal war vollständig gefüllt, mit Musikern, Liebhabern und Familien der deutschen Gemeinde.

7. Idem, Fr 26.6.1914: Bericht über einen musikalischen Empfang des Vorabends zu Ehre Hedys im vollbesetzten Kinosaal Avenida (2000 Plätze!). Dort wurde sie mit einem Blumenstrauß, einem projizierten Foto (vom Schwager Jacintho Ferrari geknipst) und mit Musik vom 16-köpfigen Orchester der Sociedade Musical Porto Alegrense geehrt.

8. Idem, So 5.7.1914: Hedy teilt der Presse per Telegramm mit, dass sie am nächsten Tag von Pelotas nach Porto Alegre zurück fahren wird. In Porto Alegre wird sie „noch ein oder zwei Konzerte im Theatro Apollo geben, bei günstigen Eintrittspreisen."

9. Idem, Mi 8.7.1914: Nachricht über Hedys Ankunft am Vortag in Porto Alegre, dazu ihr Programm fürs Theatro Apollo.

10. Idem, Fr 10.7.1914: Anzeige des Theaters zum Abendkonzert.

11. Idem, Sa 11.7.1914: Nachricht über Hedys Konzert des Vorabends im vollbesetzten Theatro Apollo. (Dieses Theater wurde erst in April 1914 gebaut und hatte 2100 Sitzplätze!)

12. Idem, Di 14.7.1914: Bericht über Hedys Abreise am vorigen Samstag (also 11.7.) in Richtung Rio, dann nach Europa zurück. Viele Lobesworte über ihre Kunst und den sehr herzlichen Empfang von den Landsleuten während ihres ganzen Aufenthaltes, bis zur Abreise am Hafen.

1920

Erläuterungen zu den Zeitungberichten von 1920 aus Porto Alegre (von Fabio Shiro Monteiro):

1.  A Federação, Di, 27.7.1920: Frau Lina Hirsch schreibt aus Stuttgart der Tageszeitung „O Jornal“ in Rio und berichtet über Hedys großem Erfolg in der Titelpartie von R. Strauss's „Salome" Darüber hinaus wird über Hedys Wiener Aufenthalt (Aug 1917 - Nov 1919) gesprochen und auch behauptet, Strauss hätte sie eine der besten Interpretinnen seiner Werke genannt. Am Ende noch war von einem Lieder- und Arienabend Hedys am Teatro Municipal (wohl in Rio) die Rede, der vor ihrer Rückkehr nach Europa stattgefunden hätte.

2. Idem, Do, 19.8.1920: Hier ist ein Interview mit Hedy zu lesen, so interessant, dass ich es fast vollständig übersetze:

„Unter den zahlreichen Passagieren des großartigen niederländischen Dampfers „Gelria", der vor wenigen Tagen aus Amsterdam ankam, befand sich lt. der Tageszeitung „A Notícia" aus Rio die berühmte bras. Sängerin Hedy Iracema, die Schwester der ebenfalls bemerkenswerten Sängerin Amalia Iracema, deren Karriere allerdings endgültig beendet ist.
Frau Hedy Iracema besuchte Brasilien zuletzt in 1914. Damals, zurück nach Europa, erlebte unsere Landesgenossin den Ausbruch des Großen Krieges, der sie zwang, in Deutschland zu verbleiben, wo sie viele Vertragsverpflichtungen hatte. Diese lange Abwesenheit hat sie künstlerisch weit gebracht. Dagegen waren die Lebensumstände (in Europa) so schrecklich, wie sie uns gestern berichtete, dass sie seit vier Jahren keinen Schluck frischer Milch mehr genossen hat, so wie auch Zucker, der diesen Namen verdiente… Ihre Erfolge auf den Bühnen konnten aber alle Widrigkeiten wettmachen. ‚Ich habe an der Kaiserlichen Oper Berlin und auf fast allen bedeutenden Opernbühnen Deutschlands gesungen. Unter dem großen Weingarner (wohl Felix Weingartner) sang ich mehrmals, und ich freue mich, dass er in Rio Erfolge feierte.'
Auf unsere Frage, ob sie sich eine Spezialistin nenne, z. B. in Wagner, antwortete sie: ‚Nein, ich bin gegen Spezialisierungen. Es ist von essenzieller Bedeutung, gut zu singen, und zwar alles, was sich lohnt. Und das hat nichts zu tun mit meiner immensen, unendlichen Bewunderung für Wagner…'.
Frau Hedy Iracema wollte von uns wissen, wie die Musik von Richard Strauss bei den Kritikern in Rio angekommen war, dem hervorragenden Dirigenten der k.u.k. Oper in Wien: ‚Ich habe großes Interesse an Strauss aus verständlichen Gründen. Ein Genie, deren Oper Salome, Ariadne, Elektra und… Die Frau ohne Schatten, ich unter seiner Regie in Wien gesungen habe. Meiner Meinung nach ist er außergewöhnlich, als Komponist und als Dirigent.'
Dann werden wir sie wohl in der kommenden Saison mit diesem Repertoire und mit Wagner hören? ‚Ich glaube nicht. Das (Theater) Colón (aus Buenos Aires) hat seine Besetzungen bereits komplett. Da wäre ich ein Eindringling…'. Aber das Publikum im Municipal (Rio) würde Ihnen mit religiösem Eifer zuhören! ‚Ich werde tatsächlich bei der Companhia Bonetti mitsingen, kann aber noch nicht genau sagen, was. Es ist mir eine unbeschreibliche Freude, nach Brasilien zu kommen'– sagte Frau Hedy Iracema mit einem Lächeln, um das Thema zu wechseln – . An der Wiener Oper hatte ich einen Vierjahresvertrag. Den Fall des Ancien Regime haben einige Kollegen und ich genutzt, um die Verträge zu kündigen, die noch zu Kaisers Zeiten abgeschlossen wurden.'
‚Im September muss ich aber unbedingt zurück nach Deutschland, wo ich einen neuen Vertrag an der Karlsruher Oper unterschrieben habe. Wobei ich nicht daran glaube, dass ich diesen Vertrag vollständig erfüllen werde können.'

‚In Brasilien wieder zu singen macht mich sehr glücklich. Ich merke, dass man nun unsere bras. Eigenschaften mehr schätzt und liebt, das ist erfreulich und begeisternd. Sie glauben nicht, wie ich mich über den Erfolg von (der Sängerin) Zola Amaro in der letzten Saison gefreut habe. Und welch ein glücklicher Zufall: wir sind beide aus Rio Grande do Sul!'.
Frau Hedy Iracema konnte also ihre Freude nicht verbergen, wieder unter Landsleuten zu sein. Sie erinnerte sich liebevoll an die Stationen ihres Künstlerlebens, stets mit der Verbindung zwischen ihrem eigenen Namen und den der Heimat…".