Theo Brügelmann an Hedy Brügelmann, auf Konzertreise in Brasilien während des Ausbruches des 1. Weltkrieges; Stuttgart, 9.9.1914 (Staatsarchiv Ludwigsburg)

Liebe,

am 5. schrieb ich dir schon, daß der bras. Gesandte in Berlin mich telegr. um Nachricht über uns gebeten und daß ich ihm sofort per Draht geantwortet habe. (…)

Wir (…) sind ebenso wie v. Puttlitz der Ansicht, daß es am richtigsten ist, du bleibst noch dort, bis die Seefahrt wieder sicherer sein wird. Das kann noch etwas dauern und Ihr müsst dann, wie wir, Geduld haben; je nachdem kommt es aber auch bald, das wird sich danach richten, wie wir mit den Engländern fertig werden; wir denken, daß wir bald ihnen unsere Zähne zeigen können (…). Daß wir Deutschen dank unserer militär. Durchbildung und Disziplin ohnegleichen und unseren ausgezeichneten Generalstab von Beginn des Krieges an stetig siegreich vorgegangen sind, werdet Ihr nun trotz aller perfiden Lügen-Nachrichten unserer Feinde, längst wissen, unsere Truppen haben die Franz. und Russen überall, wenn auch teilweise unter großen Opfern siegreich zurückgeschlagen. (…)

Das Theater hat am 5. langsam angefangen, ist aber so leer, daß es wohl nicht lange mehr spielen kann, sodaß du also wie Puttlitz sagte, ja kaum was versäumst. Es heißt, der König habe befohlen, daß alle Gagen weiter bezahlt würden! an anderen Theatern nur 2/3 - 1/2 der Gage. Im gestrigen Tannhäuser war ich nicht, da die Burch. (?) sang und ich mir den Genuß ersparen wollte. Eben erkundigte sich Frau Elmenreich nach dir telefonisch. Alle meinen, es sei doch das beste, wenn du noch ruhig drüben bleibst und abwartetest. Wenn Ihr es probiertet über Italien oder Holland herzukommen, es gelänge Euch als Frauen vielleicht, aber ein Risiko ist immerhin zur Zeit dabei; man weiß nicht, ob die Engl., wenn sie noch rabiater werden, nicht auch noch die Frauen von den Überseeschiffen gefangen nehmen oder irgendwo an Land zu gehen zwingen, von wo sie dann, Gott weiß wie, auf Umwegen unter großen Beschwerden und Unannehmlichkeiten ihren Weg nach der Heimat sich suchen können.

Dir ist es doch gewiß möglich, dort oder in Sao Paolo noch zu konzertieren und so das nötige Geld zum Leben dort zu erwerben, und auch den Anderen auszuhelfen. Der Curs ist schon sehr gesunken, sodaß es nicht mehr vorteilhaft wäre, Geld nach hier zu senden. Laß dir aber über das Geliehene auf jeden Fall ordentliche Quittungen geben, damit wir was in der Hand haben, wenn je einem von Euch etwas zustoßen würde. Hier erhältst du ja dann später dein Geld mit Zinsen zurück. (…)

Hast du eigentlich Tosca und Aida je nur einmal gesungen? Du schriebst nichts mehr darüber. Wendling und viele Andere v. Orchester und Personal, (Ritter) sind draußen im Krieg. Fnaker?? (Junker??) liegt verwundet hier. Ob du dort nicht im Deutschen Club auch wieder, wie 1907, ein Concert geben konntest? (…)

Schillings seien noch in Gürzenich, führen viel mit dem Auto hinein nach Belgien, das ja zum größten Teil in unserem Besitz ist. (…)
Ich freute mich riesig, daß du gleich am 4. August schriebst, trotz all der grauslichen Nachrichten, dem Lügengewebe ja doch auch ersichtlich war, seiest du "siegesgewiß"! Ja, das sind wir Deutsche alle, dem endlich furchtbar erwachten Furor Teutoniens, der dabei so ruhig zielbewußt voranschreitet, hält nichts stand.  

Eine Bekannte von Frau Hirsch, die über Holland nach N-York reist, will diesen u. Frau Hirsch's Briefe an ihre Kinder, mitnehmen und freundlicherweise von N-York aus Euch zusenden. Ob Ihr dann noch dort seid? Wer weiß, vielleicht sieht Engl. bald ein, daß es sich verrechnet hat an uns, und sucht auf irgendeine Weise einzulenken; dann wird's ja wieder sicher auf der See und Ihr könnt in unsere Arme eilen!

Ja, das ist eine lange Trennung, aber Ihr seid doch drüben wie wir hier sicher. Andere müssen viel größere Opfer bringen. (…)

Hoffentlich erlebst du zwischen all' den Sorgen auch manche freundliche Stunde u. genießest die herrliche Natur nun doch noch ein wenig. Schreib mir mal tüchtig über deine Opern u. Concerte u. was sonst du dort erlebst. (…)

 

Theo Brügelmann an Frau Julius Brügelmann (seine Mutter) in Eisenach, Stuttgart, 2.11.1917 (privates Familienarchiv)

Liebe Mutter,
(…). Von Hedy hatte ich am 26t eine Karte vom 23t, dann 5 Tage nichts, wegen Postsperre nach Wien, gestern dann einen Brief vom 28t, was sie dazwischen geschrieben, ist noch irgendwo unterwegs, hoffentlich kommt’s noch an. Über ihren „Paulus" schreibt sie, sie habe noch nie in einem Concert so gut gesungen, von vielen Künstlern würde ihre Stimme als die schönste, die sie je gehört hätten, anerkannt. So hat sie dort also auch gleich mit dem ersten Mal sich das sehr wählerische Concert-Publikum gewonnen. (…)
Dein Theo